| Esoterik des kosmischen Bewusstseins |
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Veröffentlicht in "Das Goetheanum" Nr.:1/2 · 10 von János Darvas
Eine Auseinandersetzung mit dem dänischen Spiritualisten Martinus Thomsen (1890-1980) ist an der Zeit. Sein Gedankengut hat in den letzten Jahren auch in Deutschland Anhänger und Interessenten gefunden. Es liegen aus dem reichhaltigen Werk inzwischen eine Reihe deutscher Übersetzungen vor. Die Schwierigkeit einer sachgerechten Auseinandersetzung besteht darin, dass sich das Schrifttum, das dieser spirituelle Lehrer unter seinem Vornamen Martinus publiziert hat, nur schrittweise erschließen lässt.Martinus Texte sind sprachlich gut verständlich, beinhalten aber Begriffsbildungen ganz eigener Art. Vor allem verweist der Korpus dieser Lehre auf Dimensionen des Geistes als multidimensionaler Realität, die in manchem mit anderen esoterischen Lehren verwandt sind, sich aber erst innerlich aufzuschlüsseln beginnen, wenn man sich auf das Genuine einlässt. das Martinus charakterisiert. Trotz Ähnlichkeiten mit der Anthroposophie - und mancher rnarkanter Unterschiede - ist es angebracht, sich unbefangen auf die ‹Gedankenklimate› (ein typischer Martinus-Begriff) dieses Denkens einzulassen. Das erfordert langanhaltendes Studium - wie denn auch diese Theosophie, Anthropologie und Kosmologie vornehmlich auf Studium und gedankliche Arbeit, nicht auf meditative Übungen hin ausgerichtet ist. Phänomen Martinus Uwe Todt hat eine groß angelegte, zweibändige Einführung in dieses Universum vorgelegt Der erste Band, die Biographie von Martinus Thomsen, ist 2007 erschienen, der zweite, eine Zusammenfassung der Lehre mit geisteswissenschaftlichen Erläuterungen liegt seit 2008 vor. Es handelt sich um ein akribisch recherchiertes Einführungswerk, das umsichtig und klar strukturiert, allerdings sehr umfangreich geraten ist. Todt nimmt dabei den Anspruch, dass man es mit einer Eingeweihtengestalt und -lehre zu tun habe, ernst, verzichtet in seiner Darstellungsweise aber völlig darauf, damit einen autoritativ bindenden Anspruch zu erheben.
«Die wirkliche Taufe, die einzige von Bedeutung, ist die alltägliche liebevolle Wechselwirkung, mit unseren Nächsten. Andere durch seine Haltung mit dem Wesen des Lichtes anzustecken, das ist die wirkliche Taufe.» Martinus, aus: ‹Lebensmut›
Er stellt Querverbindungen zur Anthroposophie her, wo dies sachlich angebracht scheint. Biografische Begegnungen mit Anthroposophen hat es bei Martinus ja gegeben. vor allem sind es aber inhaltliche Ähnlichkelten und Differenzen, auf die Todt aufmerksam macht. Ein Anhang zum zweiten Band arbeitet dies sogar systematisch heraus. Im Wesentlichen schreibt Todt aber am Phänomen Martinus entlang, nimmt den Tatbestand als Grundlage und verbindet ihn mit nachvollziehbaren Bewusstseins- und Lebenserfahrungen. Der erste biografische Band liest sich relativ leicht, Martinus wird im ländlichen Milieu Nordjütlands geboren. Seine Schulbildung bleibt elementar. Er .arbeitet als Land- dann als Molkereiarbeiter, als Wachmann und Briefträger in Kopenhagen, steigt dann zum Büroangestellten in einem Molkereibetrieb auf. Er begegnet 1921 dem Theosophen Lars Nibelvang. Martinus ist 30 Jahre alt. Bis dahin hatten sich bei ihm keinerlei spirituelle Interessen gezeigt. Der Kontakt zu Nibelvang war veranlasst durch unvermittelt auftretende übersinnliche Erlebnisse. Sein Mentor gibt ihm meditative Übungshinweise. Sofort treten überwältigende Erfahrungen ein, Bewusstseinsweitungen, die sich als bleibend erweisen. Es öffnen sich kosmische Dimensionen, Martinus erlebt sein unsterbliches Ich als eins mit dem göttlichen Urgrund, eingelassen in ein Licht, das er als von innen erlebtes Christusbewusstsein charakterisiert. Er wird In der Folge davon sprechen, dass sein kosmischer Blick im Wachbewusstsein die Einzelheiten der Welt aus der Perspektive des Absoluten stets zu erfassen vermag. Es treten okkulte Fähigkeiten auf. Innerer Auftrag Was zunächst als private Erleuchtung erscheint, wird ihm zum Auftrag gedanklich eine Seekarte dieser Dimensionen zu erstellen, um der Menschheit zu helfen, Ihre weitere Entwicklung dem göttlichen Plan entsprechend bewusst voranzubringen. Das Ist eine große Herausforderung für einen Mann ohne höhere Schulbildung der außer im Zeichnen und Malen kaum besondere Talente vorzuweisen hat. Finanziell und intellektuell unterstützt von Nibelvang, später von einem anwachsenden Freundeskreis, entwickelt er seine Gedankenwelt, die nicht auf Spekulation basiert, sondern nach seinen Worten ‹heruntertransformierte› Erfahrungen höherer Bewusstseinsstufen sind, die er auch in Form selbsthergestellter farbiger Diagramme veranschaulicht. Über Jahrzehnte wird Martinus nun in einem kleinen Hörerkreis wirken, gibt Vorträge, schreibt Bücher und Aufsätze. Eine Institution, eine organisierte Bewegung entsteht nicht. Martinus‘ äußerlich bescheidenes, geradezu unscheinbares Auftreten und Leben hat nichts Guruhaftes. Die Mitteilungen setzen sich bis ins hohe Alter fort. Er stirbt 90-jährig, die Trauerfeier im Kopenhagener Tivoli versammelt eine ziemlich große Gemeinde, er wird in einem Mausoleum beigesetzt. Eine Stiftung betreut die Herausgabe seiner Schriften und Vorträge und veranstaltet Seminare. Das Ganze im Blick Schwieriger ist es schon, die über 600 Selten des zweiten Bandes zu lesen. Das ist nicht nur dem Umfang, sondern der Vielschichtigkeit dieser Lehre geschuldet. Todts Leistung ist es, diese Komplexität nachvollziehbar darzustellen. Der Gesamtaufbau ist didaktisch hervorragend gegriffen. Die immanente Struktur gerade auch dieses Lehrgebäudes ist so, dass bei den Einzelheiten — und die sind höchst ausdifferenziert, Martinus bietet keinen mystisch raunenden Einheitsbrei immer das Ganze in den Blick kommen muss. Todt löst das durch Vorgriffe und Rückverweise und durch eine systematische Vorgehensweise, die das Gesamtbild allmählich entstehen lässt. Für den Leser, der Martinus über diese Einführung kennenlernt und zugleich mit seriöser Esoterik vertraut ist, wird eine kohärente, auf unmittelbaren Erfahrungen fußenden, Unterweisung wahrnehmbar, deren praktische Erarbeitung Jahre intensiver Auseinandersetzung erfordert. Die menschliche Entwicklung sieht Martinus eingebettet in ein unermessliches Universum, indem Wesen in Wesen leben und in dem auf den verschiedenen Daseinsebenen (gemeint sind die Stoffebene, Zellebene, Organebene. Organismusebene, Hirnmelskörperebene, Sonnensystemebene und Milchstraßenebene) ständig Entwicklungen von der Finsternis zum Licht und vom Licht zur Finsternis geschehen, denn Licht und Finsternis bedingen einander. Ewig bestehen Wesen aller Entwicklungszustände, die eine individuelle Entwicklung durchlaufen und einander ablösen. Die Finsternis ist die Grundlage der Erneuerung der Individualität, nachdem diese in einem vergangenen Zyklus auf einer tieferen Daseinsebene den höchsten Stand des göttlichen Bewusstseins erreicht hatte und danach zu einer neuen Entwicklung in einer höheren Daseinsebene fortschreitet. Die Himmelskörper, Sonnensysteme und Milchstraßen sieht Martinus als Wesen, die - wie alle Wesen - eine Entwicklung durch Finsternis und Licht durchlaufen. Die sogenannten bösen Wesen sind Wesen im vorübergehenden Finsternisstadium ihrer Entwicklung. Das Leben und Werk von Martinus durchweht ein Zug von östlicher Erlöstheit. Als einer seiner Freunde bemerkte: «Wenn ich deine Fähigkeiten hätte, würde ich Tag und Nacht arbeiten», entgegnete Martinus: »Das ist vielleicht der Grund dafür, dass du sie nicht hast.« Es verwundert nicht, dass Inder diese Geistesverwandtschaft bemerkten und über Martinus — bei seinem Indienbesuch im Jahre 1934 - sagten, er müsse ein wiederverkörperter Inder sein.
«Das wirkliche Erleben der
Gottheit selbst durch kosmisches Bewusstsein oder Einweihung kann keinem Wesen gegeben werden. Es ist etwas, zu dem das Wesen sich selbst hinentwickeln muss, und das einmal kommen wird, wenn das Wesen im Besitz der notwendigen Mischung des Bewusstseins aus Gefühl, Intelligenz und Intuition ist. Es ist etwas, das mit der Entwicklung auf dieselbe Weise kommt, wie das Wesen einmal Augen bekam, um damit zu sehen, und Ohren, um damit zu hören.»
Martinus, aus:‹Die Stimme Gottes›
Wie in der Anthroposophie findet sich in Martinus‘ Werk auch der Entwicklungsgedanke, und auch er sieht, wie Rudolf Steiner, in dem Auftreten Christi das bedeutendste Ereignis der menschlichen Geschichte. Martinus setzt aber in Bezug auf die metaphysische «Ortung» der Gestalt Jesu andere Akzente als Rudolf Steiner. Er konzentriert sich stark auf das in jedem Menschen veranlagte Christusbewusstsein, die Auferstehung ist bei ihm primär die des künftigen Erwachens jenes Bewusstseins im einzelnen Menschen, die er mit der Wiederkunft Christi und mit dem Kommen des Parakleten, des Heiligen Geistes identifiziert. Die zwar erfüllte, dennoch menschliche Natur Christi wird stärker betont. Esoterische Kontextualisierung Die Martinus-Kosmologie unterscheidet sich auch dadurch von der Anthroposophie,. dass Martinus die Menschheit in einem Prozess der «Polverwandlung» sieht. Im Werk Rudolf Steiners ist in der Tat die kosmische Bedeutung der Geschlechter und der Sexualsphäre mit äußerster Zurückhaltung behandelt, es gibt nur einige Andeutungen. Wie Rudolf Steiner und ältere esoterische Lehrer geht auch bei Martinus die menschliche Erdenentwicklung von doppelpoligen, das heißt androgynen. männlich-weiblichen Wesen aus. Die Aufspaltung dieser androgynen Wesen in männliche und weibliche Wesen ist die Grundlage, um die Wesen in die Finsternis führen zu können, In der Eingeschlechtlichkeit entwickelt der Mensch in seinem Inneren den Gegenpol, das heißt, der Mann entwickelt den weiblichen und die Frau den männlichen Pol. Auf dieser inneren Herausbildung des Gegenpols beruht der gesamte Kulturprozess. In der Gegenwart beginnt dieser Prozess bei den ersten Menschen zu einen, Abschluss zu kommen. Wenn sie auch äußerlich noch als Mann oder Frau auftreten, sind sie doch innerlich bereits wieder doppelpolig. Damit einher geht eine völlige Verwandlung ihres Bewusstseins zu einem kosmischen oder Christusbewusstsein. Martinus erwartet, dass innerhalb der nächsten dreitausend Jahre fast die gesamte Menschheit wieder doppelpolig sein wird. Uwe Todts Gesamtdarstellung verdient Beachtung bei all jenen, die sich nicht als anthroposophische Inselbewohner davor verschließen wollen, neben Rudolf Steiner auch andere relevante Lehrer westlicher Esoterik gelten zu lassen, in diesem Falle einen, der seine Mitteilungen sogar
Uwe Todt: Martinus. Leben und Werk. Martinus‘ Leben, 1890 – 1981, Band I. Novalis-Verlag, Quern-Neukirchen 2007,302 Seiten mit 37 Abbildungen und einer farbigen Wiedergabe eines von Martinus gemalten Aquarells.€ 29.50/ Fr. 49.-Uwe Todt: Sein Werk. Ein zusammenfassender Überblick mit geisteswissenschaftlicher Erörterung. Band II. Novalis-Verlag, Quern-Neukirchen 2008 607 Seiten mit 2 Abbildungen und 11 farbigen Symbolen, € 39.50/Fr. 64,- |

Eine Auseinandersetzung mit dem dänischen Spiritualisten Martinus Thomsen (1890-1980) ist an der Zeit. Sein Gedankengut hat in den letzten Jahren auch in Deutschland Anhänger und Interessenten gefunden. Es liegen aus dem reichhaltigen Werk inzwischen eine Reihe deutscher Übersetzungen vor. Die Schwierigkeit einer sachgerechten Auseinandersetzung besteht darin, dass sich das Schrifttum, das dieser spirituelle Lehrer unter seinem Vornamen Martinus publiziert hat, nur schrittweise erschließen lässt.
Uwe Todt: Martinus. Leben und Werk. Martinus‘ Leben, 1890 – 1981, Band I. Novalis-Verlag, Quern-Neukirchen 2007,302 Seiten mit 37 Abbildungen und einer farbigen Wiedergabe eines von Martinus gemalten Aquarells.€ 29.50/ Fr. 49.-