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Hinweise Rudolf Steiners auf Martinus und die Wiederkunft Christi

ein Artikel von Uwe Todt

Als 1911 von der damaligen Leiterin der Theosophischen Gesellschaft, Annie Besant, der Orden im Stern des Ostens gegründet worden war, um das Auftreten Krishnamurtis vorzubereiten, hielt Rudolf Steiner Vorträge in theosophischen Zweigen verschiedener Städte der Schweiz, Deutschlands und Österreichs, bei denen er die Zusammenhänge um den kommenden Weltlehrer so darstellte, wie sie die "wahren Kenner des Okkultismus" sehen1 , um dadurch die nach seiner Auffassung falschen Zusammenhänge um Krishnamurti zu korrigieren. Dabei bezog er sich auf die buddhistische Überlieferung, die lehrt, dass verschiedene Buddhas einander in ihrem Wirken ablösen. Nach dieser Überlieferung wird 5000 Jahre nach dem Wirken des Buddhas (560 bis 480 v.Chr.) ein neuer Buddha als Welterlöser auftreten. Er wird der Maitreya Buddha2 genannt. Vorher wirkt dieser neue Buddha als Bodhisattva3 , der sich immer wieder neu verkörpert, um der Menschheit zu helfen und seine letzte Inkarnation als Buddha vorzubereiten.
   Wie wir gleich sehen werden, trifft das, was Rudolf Steiner über das Wirken des Maitreya Buddha im 20. Jahrhundert ausführte, weitgehend auf Martinus zu, obwohl Martinus keinen Zusammenhang zwischen sich und dieser buddhistischen Tradition herstellte.  
   Der Maitreya Buddha gilt in der buddhistischen Überlieferung als der Bringer des Guten. Alles ist sehr gut ist auch die zentrale Botschaft Martinus". Sogar das sogenannte Böse sieht er als etwas Gutes und nennt es das unbehagliche Gute. Als er im April 1933 seine eigene Monatszeitschrift Kosmos herausgab, mündete sein erster Artikel in der Aussage, dass alles sehr gut ist. Wir haben es hier nämlich mit einer Kernaussage seines ganzen Werkes zu tun. Er schrieb zum Schluss des Artikels, dass das, was er lehre, für alle Menschen sei und schließlich in dem ewigen Generalfazit des Lebens mündet "Alles ist sehr gut".

Rudolf Steiner führte ein weiteres Merkmal des Maitreya Buddha an, das ganz für Martinus zutrifft. Er sagt nämlich:
Das ist das charakteristische Zeichen für alle Bodhisattvas, die Buddha werden, dass sie ein unbekanntes Leben führen. Die Menschen-Individualität wird in Zukunft immer mehr auf sich selbst gestellt werden müssen. Für ihn wird charakteristisch sein, dass er viele Jahre unerkannt durch die Welt gehen wird und dann erst dadurch zu erkennen sein wird, dass er selbst durch seine innere Kraft als ein einzelstehender Mensch wirkt. Durch Jahrtausende hindurch und auch durch neuzeitliche Okkultisten ist als Forderung erkannt worden, dass sein Wesen durch seine Jugend bis zur Geburt der Verstandesseele, ja bis zur Geburt der Bewusstseinsseele unbekannt bleibt.4
In einem anderen Vortrag gibt Steiner den Beginn des Wirkens genauer an. Wir lesen:
Es würde ein bloßer okkulter Dilettantismus sein, wenn man behaupten würde, dass dieser Maitreya schon in jungen Jahren als solcher erkennbar wäre. Zwischen dem dreißigsten und dreiunddreißigsten Jahre zeigt er sich erst durch seine eigene Kraft, ohne dass von andern auf ihn erst hingewiesen sein wird.5
Mit diesen Aussagen wendet sich Rudolf Steiner dagegen, in Krishnamurti den kommenden Weltlehrer zu sehen, da er ja schon lange vor seinem 30. Lebensjahr bekannt war. Zugleich sind die Aussagen in voller Übereinstimmung mit Martinus, der ja kaum unbekannter hätte gewesen sein können, der erst ab seiner großen Geburt im Alter von 30 Jahren von einigen wenigen Menschen erkannt wurde und der wirklich alles aus eigener Kraft war, da er nie irgendeine höhere Bildung aufgenommen hatte oder von irgendeinem Menschen geistig ausgebildet worden war.

   Rudolf Steiner hat auch auf die große Geburt und das kosmische Bewusstsein des kommenden Weltlehrers hingewiesen. Er hat seine Aussagen aber in anthroposophischen Begriffen formuliert, die für Außenstehende erst erläutert werden müssen, um die Übereinstimmung mit Martinus zu erkennen. Er sagte:
Je weiter die Menschheit demjenigen entgegenkommt, welcher der Maitreya Buddha sein wird, wird diese Individualität eine besondere Entwicklung durchmachen, die in ihren höchsten Stadien etwas sein wird, wie die Taufe des Jesus von Nazareth: Eine Auswechslung der Individualität erfährt sie.  (. . .) Insbesondere wird der Maitreya Buddha bis zum 30. Lebensjahr kontinuierlich mit einer bestimmten Individualität leben, und dann tritt für ihn eine Auswechslung ein, wie wir sie bei dem Jesus von Nazareth bei der Taufe im Jordan haben.6
Welche Bedeutung hatte für Rudolf Steiner die Taufe des Jesus von Nazareth, und was meinte er mit dem Zusammenleben mit einer bestimmten Individualität und der eintretenden Auswechselung? Er lehrte, dass sich mit der Taufe im Jordan der Sonnengeist des Christus mit den drei leiblichen Hüllen des Jesus von Nazareth verband.7 Er sagte nicht, dass in Jesus mit der Jordantaufe das kosmische Bewusstsein erwachte, aber er sagte, dass sich Jesus mit der Jordantaufe seiner Göttlichkeit bewusst wurde und eins mit dem Vater wurde, was dasselbe ist wie das, was Martinus kosmisches Bewusstsein nannte. Die Aussage bedeutet also – formuliert in den Anschauungen und Begriffen von Martinus –, dass der kommende Weltlehrer mit dem 30. Lebensjahr kosmisches Bewusstsein erlangt. Das ist genau die Kernaussage, die Martinus von sich selbst machte. Martinus hat meines Wissens nicht davon gesprochen, dass sein Bewusstsein ausgewechselt wurde, er sagte aber: "Dieses, dass ich mein eigenes Bewusstsein erhielt, als ich 30 Jahre alt war, bedeutet etwas, nicht wahr?"8;

Im Jahre 1910 hielt Rudolf Steiner in verschiedenen deutschen Städten sowie in Rom und Palermo Vorträge über die Wiederkunft Christi. In diesen Vorträgen stellte er dar, dass in den kommenden 2.500 Jahren in der Menschheit neue Fähigkeiten erwachen. Es würden immer mehr Menschen auftreten, die imstande seien, ohne vorausgehende Schulung auf natürliche Weise in die geistige Welt zu schauen. Dabei würden sie den Christus als ätherische Gestalt wahrnehmen wie ihn der Apostel Paulus vor Damaskus schaute. Das sei mit der Wiederkunft Christi gemeint.9 In diesem Zusammenhang wies Steiner auf den Maitreya Buddha hin und sagte, dieser werde es als seine wichtigste Aufgabe ansehen, auf den ätherischen Christus hinzuweisen und vielen Menschen das "Erlebnis von Damaskus" möglich machen.10
Das Damaskuserlebnis schilderte Martinus mit folgenden Worten:
In diesem Stadium begegnet der Anwärter der großen Geburt also dem Welterlöser oder Christuswesen. Der Aspirant wird dann Zeuge dieses Wesens, das sich ihm in seiner überirdischen Herrlichkeit zeigt. Er sieht es in einem alles durchdringenden weißen Strahlenglanz, der vom kosmischen Körper des Welterlösers ausgeht, welcher scheinbar aus Millionen und aber Millionen mikroskopischer Sterne aufgebaut ist, die alle eine kleine Strahlenglorie schneeweißen Lichts ausstrahlen und zusammen mit der Vielfältigkeit der übrigen kleinen Sterne das schneeweiße, alles überstrahlende Lichtmaterial bilden, aus dem der Organismus des Christuswesens aufgebaut ist. Mit diesem alles überstrahlenden kosmischen Lichtorganismus durchdringt nun das Christuswesen den Geist des Aspiranten und öffnet hierdurch dessen Talentkerne zum Erleben des kosmischen Bewusstseins.11
Aus dem Text kann man entnehmen, dass der Zusammenhang, in dem das "Damaskuserlebnis" von Martinus geschildert wird, etwas anders ist, als Rudolf Steiner es erwartete. Martinus sprach nicht von dem Schauen des Christus im Ätherischen, sondern von der Verwandlung des Menschen, der die "große Geburt" erlebt, in ein Christuswesen. Das wird in dem nachstehenden Text deutlich:
Dieser psychische Prozess, dieses Selbsterleben der höchsten und heiligsten Wahrheiten des Lebens macht das Geschöpf zu einem "Christuswesen", das der Erlöser als seine Wiederkehr "in den Wolken des Himmels mit großer Macht und Herrlichkeit" ankündigte.12 Diese "Wiederkunft Christi in den Wolken" ist somit in erster Hand kein äußeres Geschehnis, sondern ein im Gedankennebel des Wesens plötzlich auftauchendes inneres, waches, vollbewusstes Erleben seines eigenen durch Entwicklung verwandelten Zustands vom "Tier" zum "Menschen". Sie ist die von der Natur selbst durchgeführte Seelenadlung, "Einweihung" oder "große Geburt", die die zweite Begegnung mit der Christusbewusstheit ist. Die erste Begegnung ist das Zusammentreffen mit seiner Weisheit, seinen Worten und Taten auf der physischen Ebene, ausgelegt durch Religionen, Kirchen und Geistliche. (. . .)
Das Christusbewusstsein ist hier nicht das eigene, sondern vielmehr das Bewusstsein eines anderen Wesens und kann daher in diesem Fall unmöglich etwas anderes sein als ein Erlebnis aus zweiter Hand. Dass der Erlöser, der selbst die Christusgeistigkeit oder das kosmische Bewusstsein als Erlebnis aus erster Hand erreicht hatte und für den dieser psychische Zustand daher eine wache vollbewusste Tatsache war, kein Erlebnis dieses Zustandes aus zweiter Hand als höchste Absicht und höchstes Ziel der Gottheit für den Erdenmenschen lehren konnte, ist nun verständlich. (. . .) Nein, der Erlöser wusste es besser. Er wusste, dass nichts weniger als das Erlebnis des Heiligen Geistes oder Gottes eigener Bewusstheit aus erster Hand, wovon er selber völlig erfüllt war, die Absicht und das Ziel Gottes mit allen Lebewesen sein musste, um seine Liebe zu ihnen zufriedenzustellen. (...) Dass dieses zweite Zusammentreffen des Wesens mit dem Christusbewusstsein ein unmittelbares Selbsterleben durch Umwandlung der eigenen Psyche zu kosmischem Bewusstsein oder zum Durchströmen des "Heiligen Geistes" und kein äußeres Zusammentreffen mit Christus in Fleisch und Blut sein wird, hat er durch die Erklärung begreiflich gemacht, dass er auf diese Weise nirgends zu finden sei, weder "hier" noch "dort", weder "in der Wüste" noch "im Hause". (. . .)
Wenn aber sein zweites Kommen nicht seine Person sein soll, sondern vielmehr das eigene Selbsterleben des Wesens in seiner Psyche, die Offenbarung einer Geisteshaltung, von der er selbst beseelt war, dann versteht man, dass dieses zweite Kommen "wie der Blitz zum Westen hinleuchtet, wenn er im Osten aufflammt" sein wird.13 Welches Licht könnte größer sein als kosmisches Bewusstsein oder "Heiliger Geist"? Ist das Licht hier gerade nicht so stark und strahlend, dass es alle Einzelheiten sogar in den Schattenseiten in einem solchen Grad erhellt, dass das ewige Wort der Gottheit über ihre eigene Ansicht, "Alles ist sehr gut" hiermit für jedes die Gottheit suchende Wesen zur wachen und tagesbewussten Tatsache wird?14
Martinus sah den Menschen also als unvollendetes Geschöpf, das noch nicht zu seiner wahren Bestimmung als Mensch im Bilde Gottes geboren ist. In den kommenden 3000 Jahren wird er aber die Geburt seines göttlichen Bewusstseins erfahren. Bei dieser Geburt begegnet er dann Christus als dem Erstgeborenen, den er danach nicht mehr als Mittler zwischen sich und Gott braucht, denn er wird dann selbst eins mit Gott sein.  
 
Rudolf Steiner sagt ferner über den Maitreya Buddha, dieser habe im 20. Jahrhundert die Aufgabe, die wirklichen Begriffe über das Christus-Ereignis zu geben. Diese Aufgabe habe er in einer früheren Inkarnation auch vor der Geburt Jesus wahrgenommen. Damals sei er als Jeshu ben Pandira (Jesus der Sohn des Pandira) inkarniert gewesen.15 Jeshu ben Pandira lebte etwa 100 v. Chr. in Israel. Damals gab es die jüdische ordensähnliche Gemeinschaft der Essener oder Essäer, die 1947 durch die Funde der Schriftrollen von Qumran in der Öffentlichkeit bekannt wurde.16 Wie Steiner ausführte, war Jeshu ben Pandira der geistige Leiter der Essäergemeinden. Er lehrte, dass ein Mensch aus dem Stamme Davids die Reiche der Himmel in das Reich der Erde hinuntertragen werde, so dass er sie in sein Tagesbewusstsein aufnehmen würde. Wie Steiner ausführte, galt das damals als Gotteslästerung, weil der Mensch nicht würdig war, das Göttliche in sein Tagesbewusstsein aufzunehmen. In den Einweihungsmysterien musste man sein Tagesbewusstsein beim Betreten der geistigen Welt zurücklassen. Wegen dieser "Gotteslästerung" wurde Jeshu ben Pandira gesteinigt und dann aufgehängt.17 Er hatte aber Schüler, die seine Lehre weitertrugen und deren Nachfolger sich dann unter den Christen fanden. Insbesondere war der Verfasser des Mathäus-Evangeliums ein solcher späterer Schüler von Jeshu ben Pandira.18
   Zu dieser Aussage Steiners gibt es meines Wissens keine Äußerungen von Martinus. Freunden gegenüber sagte Martinus, er habe seine kosmischen Fähigkeiten nie auf sich selbst angewandt. Das sei nicht seine Aufgabe. Darum wisse er auch nichts von seinen früheren Leben. In seinen letzten Lebensjahren sagte er aber eines Tages zu Tage Buch, einem Freund von ihm, sinngemäß: "Jetzt weiß ich, wer ich früher war. Gott hat es mir offenbart." "Und wer warst Du?" "Darüber darf ich nicht sprechen."
   So verblüffend Rudolf Steiners Aussagen mit Martinus übereinstimmen, ist es doch nicht möglich, Martinus in die buddhistische Tradition des Maitreya Buddhas einzuordnen. Der Maitreya Buddha soll sich jedes Jahrhundert verkörpern, um der Menschheit auf ihrem Weg zu helfen. Von Martinus gibt es aber die Aussagen, dass er sehr lange nicht inkarniert war und darum Hilfe aus der geistigen Welt benötigte, um seinen Körper aufbauen zu können – er war gewissermaßen außer Übung. Er sagte auch, dass er von einem höheren Planeten gekommen sei.

Auszug (mit Kürzungen und Ergänzungen) aus dem Buch MARTINUS, Leben und Werk, Band I, Martinus Leben 1890-1981 von Uwe Todt – auf Dänisch veröffentlicht in Den ny verdensimpuls, März 2009.

 


1GA (Gesamtausgabe des Werkes von Rudolf Steiner) 130, Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit, 1. Vortrag
2Sanskrit "von liebender Güte erfüllt"
3Sanskrit "der dessen Wesen Erleuchtung ist", Anwärter künftiger Buddhaschaft
4GA 130, 1. Vortrag. Rudolf Steiner unterschied drei Seelenglieder, die nacheinander geboren werden. Mit 21 Jahren wird die Empfindungsseele geboren, mit 28 die Verstandesseele und mit 35 die Bewusstseinsseele. Das bedeutet also, dass der Maitreya Buddha bis zum 28. bis 35. Lebensjahr unbekannt bleibt.
5GA 130, 3. Vortrag
6GA 130, 1. Vortrag
7Die drei leiblichen Hüllen sind der physische Leib, der Ätherleib, der das Leben des physischen Körpers ist, und der Astralleib der Emotionen, Leidenschaften und Gefühle. Außerdem hat der Mensch nach der Anthroposophie noch drei seelische und drei geistige Glieder.
8Zitiert nach dem dänischen Kosmos Nr. 8/2009 Fragestunde, Gartenparty in der Villa Rosenberg, Juli 1973
9Diese Vorträge sind unter dem Titel Das Ereignis der Christuserscheinung in der ätherischen Welt veröffentlicht.
10GA 123, Vortrag vom 10.9.1910 und GA 118, Vortrag vom 13.4.1910.
11Ewiges Weltbild 2, Abschnitt 23.8
12"Und dann wird das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen; und dann werden wehklagen alle Stämme des Landes, und sie werden den Sohn des Menschen kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit großer Macht und Herrlichkeit." (Matthäus 24, 30)
13"Wenn sie nun zu euch sagen: Siehe, er ist in der Wüste, so geht nicht hinaus. Siehe im Hause! so glaubt es nicht. Denn wie der Blitz zum Westen hinleuchtet, wenn er im Osten aufflammt, so wird die Ankunft des Sohnes des Menschen sein." (Matthäus 24, 26-27)
14Die Menschheit und das Weltbild, S. 87ff.
15GA 130, 1.Vortrag
16In Qumran liegen die Überreste einer um 70 n.Chr. zerstörten klosterähnlichen Siedlung der Essäer. Die gefundenen Handschriften enthalten außer den meisten kanonisierten Büchern des Alten Testamentes auch Apokryphen, die Ordensregeln der Bruderschaft und Kommentare zu Büchern des Alten Testamentes.
17Das Mathäus-Evangelium, GA 123, 4. Vortrag
18In Steiners Vortragszyklus Das Mathäusevangelium werden diese Zusammenhänge dargestellt.
 
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